1.9.09

We're Here To Listen

Mit mir und den Menschen ist das ja so eine Sache. Ich mag die meisten nicht ganz so gern, ich mag direkte Interaktion meistens nicht ganz so gern. Aber ich höre ganz gerne zu, beobachte, böse Zungen könnten das lauschen und spionieren nennen.
Keine Sorge, ich steige weder in Wohnungen noch Gartenhäuser ein, ich trage auch keine Trenchcoats und verstecke mich sonnenbebrillt hinter Litfaßsäulen (die schreibt man übrigens auch nach der neuen Rechtschreibung noch mit scharfem s, weil sie nach Ernst Litfaß heißen, und nicht nach irgendwelchen ominösen Fässern). Aber ich setze mich in Zügen manchmal schon gerne in die Nähe der vielversprechendsten Kandidaten, und gerne schalte ich dann den iPod extra aus, um mehr zu verstehen (die Ohrstöpsel bleiben natürlich drin - Tarnung ist alles!).
Und dann lehnt man sich zurück und lässt sich unterhalten. Der Mensch an sich fühlt sich an vielen Orten wie zuhause, entweder weil er in Begleitung vertrauter Gesichter ist oder weil er am Telefon mit vertrauten Stimmen spricht. Das führt dann zu einer gewissen Geschwätzigkeit, verbalen Freizügigkeit und Offenheit.
Wir erfahren nicht nur, dass man dringend mal wieder zum Hautarzt müsste, oder dass der kleine Dustin in der Grundschule nicht ganz so gut mitkommt. Wir lernen dazu "Weißte, die Pille, die wirkt ja nicht nur einfach so. Das sind Hormone, Mann!" und bleiben oft einfach nur verwirrt und staunend zurück "Ich war gestern am Steinhuder Meer - jetzt muss ich noch Klopapier kaufen".
Wer ein bisschen masochistisch und selbstkritisch gelaunt ist, der geselle sich vorzugsweise in die Peripherie von Schulkindern. Neben Perlchen wie "Ich geb dir 50 Cent, wenn du morgen ohne Gel in die Schule kommst!" stellt sich meistens recht schnell das Gefühl von "So war ich nie!" ein. Der direkte Nachfolger "... hoffe ich jedenfalls!" steht schon in den gedanklichen Startlöchern.
Nicht umsonst gibt es mittlerweile zahlreiche Internetseiten (bin das eigentlich nur ich, die das Wort "Homepages" inzwischen ziemlich, nun ja, neunziger findet? Es hat immer diesen unangenehmen Beigeschmack von Beepworldseiten mit unzähligen Popups, WordArt und animierten Gifs), die sich mit genau der Tätigkeit des (mehr oder weniger zufälligen) Mithörens beschäftigen: Overheard in sonstnochwo.
Ich jedenfalls kann es nur weiterempfehlen, das Mithören. Und wem das zu passiv ist, der kann ja immer noch auf der anderen Seite beitragen und seine Privatsphäre auf die Straßenbahn und das nächste Café ausweiten.

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