25.11.09

Musiksammler - Eine Fallstudie.

Ich verstehe Musikliebhaber nicht. Was etwas seltsam anmuten mag, immerhin arbeite ich in einem Plattenladen und mag Musik selber ziemlich gerne.
Vielleicht sollte ich es umformulieren: Ich verstehe Musiksammler nicht. Nicht den Typus, der sagt "Ich mag Band X, ich will die Diskographie vollständig haben" oder "Ich mag Musikrichtung Y, ich will davon vieles besitzen". Das ist nachvollziehbar, das ist das, was man vielleicht auch mit "Fan sein" umschreiben könnte.
Ich verstehe diese Sorte Mensch nicht, die irgendwie immer (oder meistens, aber im Falle unserer Kunden eben immer) männlich ist, eher fortgeschrittenen Alters und meistens mit einer Liste (gerne in Klarsichtfolie oder im Schnellhefter, zwecks Haltbarkeit) bewaffnet im Laden aufschlägt.
Und dann wird das Sortiment unter Zuhilfenahme der Liste durchkämmt. Bravo Hits 34? Steht auf der Liste, wird gekauft. "Pussy" von Rammstein als Maxi? Dito. Ein Best Of von Demis Roussos? Mitgenommen.
Das an sich wäre jetzt noch nicht ganz so verwunderlich; ab einer gewisse Größe der Musiksammlung verliert man schon mal den Überblick, was man bereits besitzt und was noch fehlt. Eine Liste ist da etwas sehr praktisches und naheliegendes.
Was mich nur so irritiert, ist die recht offensichtliche Wahllosigkeit, mit der gekauft wird. Da lässt sich einfach kein Musikgeschmack herausfiltern, da entsteht wirklich der Eindruck, es werden im Vorfeld Kataloge gewälzt und dann gezielt alles mit ansatzweise (Seltenheits)Wert gekauft. Und dann? Geht man auf Plattenbörsen und gewinnt den Schwanzvergleich mit den anderen Sammlern, weil man sagen kann "Ich habe die Maxi CD von Britney Spears' "Hit Me Baby One More Time" in der Erstauflage"? Sitzt man zuhause und blickt auf das Sammelsurium aus allen Musikrichtungen und Veröffentlichungsformen und denkt sich "Wenn ich das alles verkaufen würde, bekäme ich... zwölfhundert Euro" (Das sind vierundzwanzighundert Mark!)?
Mir fehlt da einfach komplett der Zugang, das Verständnis. Das ist so eine extrem klinische und unemotionale Art des Sammelns, ich erkenne darin weder Herzblut noch Begeisterung für einen Künstler oder eine Band. Das ist die Ausübung eines Hobbies, nachdem man sämtliche Elemente wie Spaß, Leidenschaft oder Faszination eliminiert hat. Die Tätigkeit des Sammelns, des Suchens nach Schnäppchen, Glückstreffern oder das Finden von lange Gesuchtem wird durchexerziert und erledigt wie der wöchentliche Großeinkauf oder der Hausputz.
Jedenfalls wirkt es auf mich so. Das ist sogar einer dieser Fälle, wo ich mir fast schon wünschen würde, falsch zu liegen. Weil es doch verdammt traurig wäre, wenn ich recht habe. Weil das auch nicht der Weg ist, den ich mir für den Umgang mit Musik wünsche.
Und vielleicht gibt es ja tatsächlich Menschen, die nicht nur sagen "Ich hör eigentlich alles/was eben so im Radio kommt", sondern auf die das wirklich, wirklich zutrifft und die im CD-Regal wirklich Rammstein neben Jay-Z, den Wildecker Herzbuben, Bravo Hits und Slayer stehen haben und das auch verdammt gut so finden.

22.11.09

John Irving und ich.

John Irving und mich verbindet ja eine recht spezielle Beziehung. Also, genaugenommen ist es eine recht einseitige Beziehung, weil John Irving höchstwahrscheinlich nicht einmal weiß, dass ich existiere. Also ist es wohl eher so, dass das, was ich mit John Irving habe, eine klassische Form der Hassliebe ist.
Ich mag John Irving für seine Bücher. Und ich hasse ihn auch für seine Bücher.
Er kann schreiben, und dann kann er es wieder nicht. Ich versuche mal, das zu verdeutlichen.
"Gottes Werk und Teufels Beitrag" ist ein ziemlich gutes Buch (mit einer im übrigen auch sehr gelungenen Verfilmung); meiner Meinung nach sein bestes. Was auch daran liegen könnte, dass John Irving da ausnahmsweise nicht ganz so arg, naja, er selber ist.
John Irvings Bücher haben nämlich alle etwas gemein. Das meiste Vieles sogar.
Er mag Bären, vorzugsweise akrobatisch erfahrene Bären (wobei das vielleicht nur ein Mittel zum Zweck ist - wilde Bären sind in Neuengland nicht ganz so zahlreich vertreten, also muss auf Importware zurückgegriffen werden). Und Neuengland. Und Ringen und Football. Und Wien, respektive die deutsche Sprache. Amsterdam. Inzest. Junge Männer, die Beziehungen zu charakterstarken, deutlich älteren Frauen haben. Religion. Schriftstellertum. Amputierte/verlorene Gliedmaßen. Und erwähnte ich schon diese unsäglichen Bären?
Während es durchaus normal und begrüßenswert ist, wenn Autoren Interessenschwerpunkte und Fachgebiete haben, hat John Irving leider kaum etwas anderes. Es ist mit ihm und den Bären (und dem ganzen anderen Zeug, siehe oben) ein bisschen wie mit Guido Knopp und dem Zweiten Weltkrieg.
Jedes. verdammte. Buch. dreht. sich. darum.
Man könnte sich beim Lesen eine Liste neben das Buch legen und abhaken: Bären? Check. Geschichten in der Geschichte? Check. Inzest und/oder Alte-Frau-mit-jungem-Burschen? Check. Neuengland? Selbstverständlich. Ringen? Oh yes, Sir. Simma in Wien? Ja, freilich. John Irving eine zimmern für diese ständige Redundanz? Mit Vergnügen.
Das Gemeine daran ist halt nur, dass er grundsätzlich schreiben kann. Und dass die Szenarien, die er sich so ausdenkt, durchaus gute sind (und die Klappentexte mich früher oder später auch rumkriegen). Dass die Handlungsstränge ausgesprochen vielschichtig und kein bisschen oberflächlich sind. Dass sein Humor und die Tragikomik und das Makabre ziemlich ansprechend sind.
Also wiederholt sich bei mir regelmäßig Folgendes. Ich suche ein neues Buch zum Lesen (oder das Internet ist kaputt, wie vorgestern, und ich beschließe, endlich mal "Hotel New Hampshire" zu gucken), stolpere dabei früher oder später über Irving und denke "Ach, vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm, vielleicht stört mich das alles jetzt weniger und vielleicht ist bei diesem Buch alles anders". Was es natürlich nicht ist. Natürlich nicht.
Ich lese, und hake gedanklich die Liste ab. Und würde John Irving gern jeden Bären einzeln aufbinden auf den Hals hetzen.

12.11.09

Fußballfans - eine extrem kurze Fallstudie.

Gestern abend war hier ein Gedenkgottesdienst mit anschließendem Trauermarsch für Robert Enke.
Ich war nicht dabei, weil warum auch, aber soeben las ich folgendes in der Presse:

Man mag das nun irgendwie unpassend oder auch irgendwie rührend finden, wie man will, aber offenbar können Fußballfans bei Zusammenkünften gar nicht anders, als zu klatschen und zu skandieren.

6.11.09

Ein gutgemeinter Ratschlag.

Ich geb ja immer gerne Lebensberatung und Tipps und Ratschläge. So als Gegengewicht zum Meckern.
Deshalb also für dich, liebe Menschheit, und besonders für dich, Wolfgang Niedecken:


Es ist zu keinem Zeitpunkt (ich wiederhole das gerne nochmal: Zu. Keinem. Zeitpunkt.) akzeptabel oder cool, fremdsprachige Eigennamen oder etablierte Bezeichnungen durch ein deutsches Äquivalent (oder auch: "Äquivalent") zu ersetzen.
Zu keinem Zeitpunkt.
LOF,
ich.

5.11.09

Nomen est omen.

Die deutsche Nachrichtenlandschaft mag Tiere.
Die helfen einem recht gut durch eventuelle Sommerlöcher (siehe Problembär), sehen zumindest eine Zeit lang adrett und putzig aus und lockern auch sonst die Nachrichtenflut etwas auf.
Und sind wir mal ehrlich, so eine Meldung über einen Amoklauf verdaut man doch leichter, wenn als Aperitif ein wasserskifahrendes Eichhörnchen serviert wird.
Es versteht sich fast von selbst, dass diese Tiere gerne einen (mehr oder weniger putzigen) Namen verpasst kriegen - zwecks Wiedererkennungswert.
Jedenfalls ist jetzt leider ein Elch gestorben, der den Osten Deutschlands zuvor unsicher machte. Und auch dieser Elch hat(te) einen Namen:

Knutschi. Knutschi. Das ist war ein ausgewachsener Elchbulle, und sie haben ihn Knutschi genannt.
Mal abgesehen davon, dass Knutschi für kein Lebewesen dieser Welt ein akzeptabler Name ist, aber... Hab ich was verpasst und Elche haben jetzt Kussmünder? Oder ist er nach einem mir unbekannten Ikeamöbelstück benannt? Und wer legt solche Namen fest, und wieso bin ich nicht diese Person?


3.11.09

Heavy Metal, Alter!

Ich habe schon das eine oder andere Mal über meine, nun ja, Schwierigkeiten mit Metal- und Mittelaltermenschen geschrieben.
Und letzte Woche hab ich beim Arbeiten ein Foto entdeckt, das einfach kurz und knapp und eindeutig zusammenfasst, was falsch läuft bei denen.


Ich bitte darum, die geneigte Aufmerksamkeit vor allem auf folgende Details zu richten:
  • Der Mensch trägt augenscheinlich eine schwarze Leggings. Der Mensch ist zudem ein männlicher Mensch. Nicht so schön...
  • Zur schwarzen Leggings trägt der Mensch weiße Turnschuhe und weiße Socken. Eventuell sind es sogar Plateauturnschuhe, oder welche mit medizinischer Sohle. Nicht ganz so gut zu erkennen, aber in jedem Fall auch nicht so schön.
  • Dazu die übliche, natürlich armfreie, Oberbekleidung, der Nietengürtel, so ein Armdings und lange Zottelhaare, vorzugsweise straßenköterblond. Noch ein bisschen Make Up oder Facepaint und fertig ist es, das mehr oder weniger furchterregende Outfit.
Und wo gehen wir dann hin zum Fotos machen, wenn wir uns ins volle Ornat geschmissen haben?
  • Richtig, an den hiesigen Baggersee. Oh, da sind zur Zeit haufenweise Badegäste und tummeln sich in den Fluten? Egal, wird schon keiner merken. Und jetzt schieß schon das Foto, mein Arm wird lahm und ich kann das Gesicht nicht mehr lange so verziehen.
Das ist nicht einfach, so richtig böse, furchteinflößend und heavy metal zu sein. Vor allem, wenn man noch bei Mama und Papa wohnt und die einem kein Taschengeld für schwarze Haarfarbe geben wollen.
Was mich zum abschließenden Szenario führt, das ich zur endgültigen ad absurdum-Führung heraufbeschwören möchte:
Mama und Papa Wittek laden klein Kevin ins Auto und fahren zu Omma raus, ist ja Ostern, da sitzt man gerne mal zusammen. Es gibt Hefezopf und hartgekochte Eier, und um die Beziehung zwischen Oma und Enkelsohn ein wenig zu fördern, sagt Mama Wittek "Du, Omma, der Kevin, der macht ja jetzt auch Musik! Kevin, erzähl der Omma doch mal, was du da so machst, mit deinen Freunden..."